Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
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Der Wolf und die sieben jungen Geißlein ( Brüder Grimm, KHM Ausgabe letzter Hand von 1857, Nr. 5, --> Originaltext)


Wer junge Ziegen erlebt, der staunt über ihre Neugier. Überall klettern sie hinauf, sogar auf die Kühlerhaube des Autos, untersuchen meine Taschen, knabbern alles an... Sie sind wie die kleinen Kinder, die begierig ihre Sinne entwickeln wollen, um mit ihnen die Welt kennenzulernen: Kinder wollen schmecken, tasten, hören, sehen.... und indem sie ihre Sinne ergreifen, geht die ursprüngliche Hellsichtigkeit verloren. Es wird dunkel – sie sind im Wolfsbauch.

Kinder bringen wie die Geißlein im Märchen unbedingtes Vertrauen mit. Vertrauen können sie nicht von den Eltern geerbt haben. Vertrauen können sie nicht auf der Erde lernen. Sie bringen es aus einem Bereich mit, wo man vertrauen kann, wo alles wahrhaftig offenliegt, wo nichts verborgen werden kann.

Kinder bringen die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens aus dem Himmel in unsere menschliche Gesellschaft hinein, so wie die Erwachsenen aus dem Nachtschlaf moralische Impulse in das Tagesleben hereinbringen können.

Vertrauen ist die Grundlage des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Zusammenleben in der Gemeinschaft funktioniert nur, wenn Versprechen gehalten werden. Zum Beispiel fahren alle Autos auf den Straßen rechts. Das schränkt zwar die Freiheit des Einzelnen ein, ermöglicht aber ein Fahren ohne Zusammenstöße. Darauf muß ich als Verkehrsteilnehmer vertrauen können.

Kinder bringen unbedingtes Vertrauen auf die Güte und das soziale Verhalten des anderen Menschen mit auf die Welt und begründen so immer wieder das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft! Wieso bringen das die Kinder mit? Weil sie aus einer Gegend kommen, wo sie vertrauen können, wo alles offenbar und deshalb wahr ist. Auf der Erde jedoch erleben sie, daß man sich in seinem Leib verstecken kann, daß man täuschen kann, sich verstellen und lügen, um Vorteile zu erlangen.

Lügen und Bosheit erscheinen in unserem Märchen im Sinnbild des Wolfes. Der Wolf mißbraucht das Vertrauen. Er belügt die Geißlein, und sie öffnen die Türe. Das ist aber nicht der Fehler der Geißlein, sondern die des Wolfes.
Das Märchen erklärt dem Kind, wo es jetzt ist, und warum es da dunkel ist. Aber es gibt auch den tröstlichen Ausblick, daß es wieder einmal hell werden kann – durch die jüngste Kraft, die Herzenskraft "im Uhrenkasten", und durch die Schere, das Unterscheidungsvermögen, das wir entwickeln sollen. (siehe auch Deutung von --> "Rotkäppchen"). Das Kind nimmt die Sinnbilder des Märchens in sich auf, ohne sie zu hinterfragen oder zu beurteilen. Die Bilder sinken bei ihm ins Unterbewußtsein ab und bieten dadurch in späteren Krisensituationen einen festen Boden bei seelischen Schwankungen, und Lebenssicherheit.

Wir Erwachsenen aber sind aufgerufen, das Unterscheidungsvermögen, die "Schere", bewußt zu entwickeln, um den "Wolf" zu durchschauen. Die Möglichkeiten, die Informationen dazu, haben wir heute in reichem Maße. Wir müssen nur auf die Stimme unseres Herzens hören - auf das jüngste Geißlein im Uhrenkasten - und nicht resignieren oder uns gar an die Dunkelheit gewöhnen. Der Mensch ist das einzige Wesen, das nicht fertig ist, sondern sich entwickeln kann. So lange wir uns aber mit der Dunkelheit abfinden, sind die entwicklungsfähigen Kräfte in uns, die jungen Geißlein, gefesselt und können keine Fortschritte machen. Als Vorbild für unermüdliches, freudiges Bemühen können wir Erwachsenen das kleine Kind nehmen, das sich aus eigenem Antrieb immer wieder gegen die Schwerkraft aufrichtet, so oft es auch zu Boden gezogen wird.

Siehe auch ( Lit.) Friedel Lenz: "Bildsprache der Märchen", Verlag Urachhaus Stuttgart! (F. Jentzsch 8.2.2008, 19.8.2008)


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