Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
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Rotkäppchen (Brüder Grimm, KHM Ausgabe letzter Hand von 1857, Nr. 26, --> Originaltext)


Märchen schildern Wahrheiten. Jeder kann sich selber darin spiegeln. Deshalb gibt es viele Deutungsversuche und Deutungsmöglichkeiten. Häufig ist zu hören, "Rotkäppchen" schildere die Entwicklung eines Mädchens in der Pubertät. Im Märchen wird jedoch nicht von einem roten Kleid gesprochen, sondern von einer roten Kappe. Dann wird das Märchen gern als Warnung vor den Lügen und Verführungen der Männer verstanden: "Nimm dich in Acht, geh nicht alleine in den Wald!" (siehe die französische PERRAULT– Fassung).
Das löst jedoch nicht alle Ungereimtheiten und Widersprüche auf. Als derart materiell aufgefaßte Alltagsgeschichte ist "Rotkäppchen" purer Unsinn. Kein Wolf kann reden. Kein schlafender Wolf läßt sich ungestraft den Bauch mit einer Schere aufschneiden. Kein Mensch kommt lebend aus einem Wolfsbauch wieder heraus, wenn er einmal verschlungen wurde. Und warum geht der Wolf neben Rotkäppchen her und führt Selbstgespräche: "Du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst..." Warum frißt er es denn nicht gleich? Was hindert ihn daran? Es muß sich also um Sinnbilder handeln, wenn die Geschichte nicht völlig unsinnig sein soll.

Kind, Mutter, Großmutter – damit beginnt das Märchen. Die schützende, wärmende, nährende Hülle des Kindes ist die Mutter. Die Mutter wiederum kommt aus der Großmutter. Unsere Ursprünge werden genannt. Vom Ursprung an ist die Freiheit geplant: Rotkäppchen soll etwas auf die eigene Kappe nehmen. Diese Kappe ist rot und aus Sammet: sie spiegelt also nicht mit einer glänzenden Oberfläche (Seide) die Welt, sondern strahlt nur ihre eigene warme Farbe aus.

Die Mutter gibt ihm Ratschläge und Ermahnungen mit auf den Weg: "Mach dich auf, bevor es heiß wird...", denn Morgenstund hat Gold im Mund, und in der Mittagshitze verleiten Mohnmuhme und Pan zum träumerischen Abirren, und Luzifer gefährdet die Sittsamkeit durch Selbstsucht.
"Geh hübsch sittsam…!" mahnt die Mutter, und Rotkäppchen erwidert: "Ich will schon alles gut machen". Es soll sich an die Sitten halten, an die überlieferten Verhaltensmaßregeln. Rotkäppchen antwortet nicht: "Ich will schon alles recht machen!", sondern: "Ich will schon alles gut machen!" Es wird nicht nach Recht und Gesetz handeln, sondern so, daß es gut ist für die Entwicklung.

Die Mutter hat ihm Kuchen und Wein für die Großmutter mitgegeben. (Hieß es ursprünglich vielleicht Brot und Wein?) Das soll die Großmutter ernähren und dadurch stärken. Kennen wir das auch? Ja, wenn wir täglich zu bestimmter Zeit joggen, eine Übung machen oder beten, dann stärken wir bestimmte Kräfte, ernähren sie. Die Großmutter wohnt ½ Stunde vom Dorf. Ein Gedanke entsteht in einer Sekunde, ein Gefühl braucht schon eine Minute, die Tat eine Stunde…. Wenn Rotkäppchen zu ihr gelangt, ist erst die halbe Tat getan.
Mutter und Großmutter warnen noch nicht vor dem Wolf. Erst das Kind lernt ihn kennen, weil es sich auf den Weg macht.

Die Kinder in den Märchen sind Bilder für unentwickelte Kräfte in uns, die wir pflegen und durch regelmäßiges Ernähren aufziehen können. Man kann auch noch mit 70 Jahren etwas Nützliches durch Üben dazulernen.
Im Wald begegnet Rotkäppchen dem Wolf. Der spricht es an, fragt es nach seinem Vorhaben aus, wo die Großmutter zu finden sei, und dann überlegt er merkwürdigerweise, wie er beide, Großmutter und Rotkäppchen erschnappen kann. Die Lösung: er muß es von seinem Schul-(ungs-) Weg abbringen und sagt:

„Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald!“ Da könnte man doch sagen: "Den Satz lassen wir weg, denn heute werden Schulkinder nicht mehr mit dem Rohrstock bedroht, sondern gehen gerne in die Schule. Aber Rotkäppchen befindet sich tatsächlich auf einem Schul-(ungs-)Weg, von dem es nicht abgehen soll. Es soll durch regelmäßige Schritte (Fortschritte) zur Großmutter finden und diese wieder beleben und stärken. Die Großmutter ist der Urursprung, vielleicht kann man sagen das Paradies oder der göttliche Ursprung, aus dem wir stammen, und der uns jede Nacht wieder belebt, wenn wir uns am Tage mit falschen Gedanken, bösen Gefühlen, störenden Taten gekränkt haben. Das Bewußtsein für diesen Ursprung ist bei den Menschen verblaßt = die Großmutter ist krank und schwach geworden. Rotkäppchen bemüht sich um Re-ligion, um Wiederverbindung mit ihr. In der Heiligen Messe soll mit Brot und Wein, bei Rotkäppchen mit Kuchen und Wein die Verbindung zum Göttlichen gestärkt werden. Das ist sein Schulweg.
Wo wohnt die Großmutter? "Unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du wohl wissen…" 3 Eichbäume weisen auf ein Druidenheiligtum hin, auf einen Altarbereich. Die Nußhecke ist ein Schutz gegen böse Einflüsse von unten. Dort ist die "Großmutter" zu Hause - nach oben zum Himmel offen, gegen unten zu beschützt.
Dem Wolf liegt jedoch daran, den Blick vom Geistigen ab- und auf irdische, endliche Dinge hinzulenken. Er will Ursprung und Ziel des Menschen aus dem Bewußtsein auslöschen: "Der Mensch fängt mit der Eizelle an, und hört beim Tod auf zu leben, ist dann nur noch zu entsorgender Abfall".

Tatsächlich muß jeder Mensch, wenn er auf die Erde kommt, die Erdenverhältnisse wahrnehmen. Er muß alle seine Sinne ausbilden, dadurch, daß er sie gebraucht. Das macht Rotkäppchen. „Siehst du nicht die Blumen, die ringsumher stehen......ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen..... Rotkäppchen schlug die Augen auf…..“ Und er muß auch vom vorgeschriebenen Weg abgehen, um selbständig zu werden, vgl. das biblische Verbot, Äpfel vom Baum der Erkenntnis zu essen - oder das Gleichnis vom Verlorenen Sohn.

Und nun schlägt Rotkäppchen die Augen auf. Auch das ist ein Schritt in die Selbständigkeit, denn sittsame Mädchen hatten die Augen niederzuschlagen. Sie handelt nicht der Sitte entsprechend, sondern so, daß es gut ist für ihre Entwicklung zur Freiheit. Sie beginnt Blumen zu pflücken. Genial bei Grimm: „.... und wenn es eine gebrochen hatte.....“ Es bricht sie aus dem lebendigen Zusammenhang heraus! Erinnert das nicht an das Faktensammeln der naturwissenschaftlichen Spezialisten, die sich immer größere Festplatten besorgen müssen, um die Daten zu speichern? Und dann: „Als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein.....“ Ja, wozu sammle ich eigentlich, dient das der Menschheit? Ich wollte doch mein Bewußtsein vom Ursprung und Sinn des Lebens stärken!

Was begegnet ihm folgerichtig bei der Großmutter: das Bild der eigenen Gier, des ausgeuferten Hörens, Sehens, Sammelns, Einverleibens. „Was hast du für große Ohren, Augen, Hände, Maul?“ Daran kann es erst einmal nichts ändern, d.h. durch sein Erschrecken darüber wird es auch für Rotkäppchen dunkel. Die Raupe, die sich ganz dem Fressen, dem Einverleiben, dem Leibbilden, dem Irdischen hingegeben hat, verschwindet in der Dunkelheit der Puppe…… kommt später als Schmetterling neu ans Licht. "Der Wolf hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt". Er will nicht erkannt werden, denn er tritt in der Maske der Großmutter, der Urweisheit auf, als wäre er das letzte Erkenntnisziel. Tritt heute nicht so die Naturwissenschaft auf? Sie hat zwar die erstaunlichsten Fortschritte gebracht, aber keine sozialen Probleme gelöst.

Scheinbar an zwei verschiedenen Orten spielt das Märchen nach der Versuchung: im Wald beim sammelnden Rotkäppchen, und im Haus der Großmutter, die der Wolf verschlingt. Aber das sind nur zwei Ansichten ein- und derselben Sache. Wenn Rotkäppchen sich ganz in die Welt der Sinne verliert, verschwindet eben das Bewußtsein vom Ursprung und vom Ziel des Menschen im Vergessen, in der Dunkelheit des Wolfsbauches.

Der Jäger sagt: "finde ich dich hier, du alter Sünder, ich habe dich lange gesucht." Warum hat er lange gesucht? Weil der Wolf sich verstellt hat, weil er sich nicht in seiner wahren Gestalt zeigt, sondern lügt. Die Naturwissenschaft tritt auch mit dem Anspruch auf, die Klügste zu sein: "Es wächst, Es vermehrt sich, es …." Da, wo ein Kind weiterfragen würde, hört sie auf zu fragen und setzt das Wörtchen "Es" ein.

Der Wolf verkleidet sich als Großmutter, Ahne, Ursprung der Weisheit, also als verehrungswürdig Heiliges. In seinem Bauch sind die jungen Kräfte, denen er sein Leben verdankt. Das, was sich nämlich der Teufel einverleibt, gibt ihm die Kraft Böses zu tun. Er ernährt sich von der Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt. Normalerweise hält uns der Teufel Knüppel zwischen die Beine, und wenn wir dann über den Knüppel schimpfen, fließen ihm unsere Kräfte zu. Wenn Rotkäppchen sich in die Welt der Sinne hinein verliert, dann heißt das: dem Wolf Aufmerksamkeit schenken, im Märchenbild: "er verschlingt Rotkäppchen". Gleichzeitig verschwindet die Großmutter, der göttliche Ursprung, im Dunkel des Vergessens. Die Verstellung des Wolfes muß durchschaut werden. Man muß Licht in die Sache bringen. Dann fällt die Maske.

Im Märchen klingt es am Schluß so, als wenn 10 Sekunden nach dem Verschlingen des Rotkäppchens der Jäger käme. (siehe --> Zeit im Märchen) Aber auch hier ist die Frage erlaubt: Bildet sich dieser Jäger mit seinem scharfen Blick und seinem Unterscheidungsvermögen, der Schere, die Licht in die Sache bringt, vielleicht erst durch das Leiden in der Enge und Dunkelheit heran? („Ach.....wie war es so dunkel in dem Wolf seinem Leib....... und dann kam die Großmutter auch noch... heraus und konnte kaum atmen“)
Nach den ersten Schnitten sieht der Jäger das rote Käppchen leuchten: Rotkäppchen kommt zunächst mit seinem Denken ans Licht. Vielleicht kann es auch erst dann rückblickend die überstandenen Schwierigkeiten überschauen, wenn es diese überwunden hat: "…..wie war es so dunkel in dem Wolf seinem Leib!"

Ziel und Weg der individuellen menschlichen Entwicklung sind dem Wolf ein Dorn im Auge. Deshalb will er Rotkäppchen (die sich auf den Weg gemacht hat) und die Großmutter (das Ziel) töten.
Während Rotkäppchens Leiden im Wolfsbauch (Enge und Dunkelheit) entwickelt sich das Unterscheidungsvermögen, der Jäger, mit dem es jetzt den Wolf, das Todbringende, durchschaut. Rotkäppchen ist es deshalb auch, das dem Wolf in den Leib füllt, was hineingehört: totes Material, Steine, anstelle des Lebendigen, das er sich einverleiben wollte.

Steckt unsere Zivilisation nicht schon 500 Jahre im Wolfsbauch und hat sich an die Dunkelheit gewöhnt? Fünf Jahre kann man Bio-logie studieren und hört kein einzigesmal etwas über Lebenskräfte, sieht nur tote Produkte der Lebensprozesse unter dem Mikroskop. Wenn ich immer nach Feierabend auf eine Baustelle komme, dann kann ich auch sagen: "Es wächst. Arbeiter gibt es nicht." Geht es nicht so den heutigen Biologen? Sie hören dort auf zu fragen, wo Kinder weiterfragen würden. Die Lebensvorgänge, an die wir uns gewöhnt haben, werden für uns selbstverständlich. Achtung, Ehrfurcht, Dankbarkeit verdämmern – und faszinierend bleibt allein die Möglichkeit, etwas daran zu manipulieren, bevor wir die Zusammenhänge durchschaut haben. Das ist die Dunkelheit des Wolfsbauchs. Die Folgen unseres Handelns sorgen dann für die Enge, die zum Denken nötigt. Wir benutzen heute Telefon, Auto und Flugzeug, betreiben mit Atomstrom unseren Kühlschrank. Was wir damit an den Lebenszusammenhängen der Erde schädigen, werden wir einmal ausgleichen müssen. Die Entwicklung war aber für das Selbständigwerden des Menschen nötig. Nun kann er als selbständiges Individuum bewußt für die Lebenszusammenhänge tätig werden. Bleibende Stärke ist immer die überwundene Schwäche.

Alte Menschen haben vielleicht vor ihrem Tode das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, das Wesentliche vernachlässigt zu haben. Nun sehen sie an den Märchenbildern, daß es gut ausgehen kann, erleben unbewußt das Sinnvolle der vermeintlichen Irrwege. Deshalb erzähle ich die alten Volksmärchen wie Rotkäppchen auch ruhig in Seniorenheimen, aber (im Unterschied zum Erzählen für Kinder) mit Hinweisen zur Deutung.

Siehe auch ( Lit.) Friedel Lenz: "Bildsprache der Märchen", Verlag Urachhaus Stuttgart! (Frank Jentzsch 8.2.2008, 23.9.2008, 19.6.2011, 17.7.2011, 7.6.2015)