Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
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Das Eselein, Brüder Grimm, KHM 144

 In seinem Buch „Die letzten Könige von Thule“ beschreibt Jean Malaurie sein Leben unter Eskimos / Inuits („Les derniers rois de thulé“, librairie Plon, 1976). Unter vielen erstaunlichen Bildern fand ich die folgende Ritzzeichnung auf einem Walroßzahn. Ein Wal ist in der Bucht gesichtet worden. Der Schamane muß der Seele des Wales die Jagd ankündigen und ihre Notwendigkeit begründen. Erst nach einer Übereinkunft kann die Jagd beginnen.

Der Schamane sitzt im Igloo, läßt sich durch einen Trommler in Trance versetzen und verläßt seinen Leib in Richtung Wal. Es handelt sich um eine sinnbildliche Darstellung. Der Wal zeigt seinerseits Entgegenkommen durch die Richtung des Atemstrahls, der normalerweise senkrecht nach oben bläst. Der Schamane bleibt währenddessen durch eine Art Schnur mit seinem Leib verbunden, die aus dem Mund (seines Körpers) kommt. Er hat offenbar „seine Seele ausgehaucht“.

Malaurie beschreibt eine solche Szene, die er selbst miterlebt hat. Der Leib des Sitzenden zeigt kein Lebenszeichen mehr, bis der Schamane zurückkehrt, im wahren Sinne der Worte „zu sich kommt“ und wieder zu atmen beginnt. Ähnliches kennen wir von Berichten über Nahtoderlebnisse: Da schwebt z.B. ein Mensch nach einem Autounfall über einem Operationstisch und wundert sich, wer da liegt, bis er merkt: das bin ja ich! Gleichzeitig bemerkt er eine Art Nabelschnur, die von ihm bis zu dem Körper führt, und er weiß: die darf er nicht abreißen, weil er sonst nicht mehr in seinen Leib zurückkehren kann.

Auch wir verlassen jede Nacht im Schlaf unseren Leib, um uns zu erholen – allerdings auf etwas harmlosere Weise, denn unser Leib atmet im Schlaf weiter. Das Wort „erholen“ deutet darauf hin, daß wir uns in einen Bereich gegeben, wo wir etwas Heilendes holen können. Erwachen wir nicht nach einem guten Schlaf gekräftigt, mit versöhnlicheren Gefühlen und geklärten Gedanken? Wo waren wir da? Bei der Geburt schlüpfen wir mit dem ersten Atemzug in unseren Leib hinein, und im Tod verlassen wir ihn ganz. Wo waren wir vorher? Wo gehen wir nach dem Tod hin?

Schauen wir doch unbefangen darauf, mit welcher Lebensfreude, mit welchem unbedingtem Vertrauen Kinder zur Welt kommen – sie lieben ihre Eltern, ob sie gut versorgt werden oder mißhandelt, sie finden alles nachahmenswert, lernen Italienisch oder Plattdeutsch, je nachdem, wo sie geboren werden! Sie müssen doch in einem Umfeld gewesen sein, wo man bedingunglos vertrauen kann, sonst könnten sie ein solches Vertrauen nicht mitbringen!

Während unseres Lebens auf der Erde haben wir die Aufgabe, unseren Leib zu einem möglichst guten Werkzeug auszubilden. Das ist nicht immer einfach. Schon Franziskus von Assisi (1181 – 1226) nannte seinen, von zahlreichen Krankheiten geplagten, Körper humorvoll seinen „Bruder Esel“, weil dieser die ihm auferlegten Entbehrungen ähnlich einem Lasttier geduldig ertrug. Er unterschied deutlich zwischen Ich und dessen Werkzeug. Wer von uns kennt aber nicht auch die bockige Seite des Bruder Esel, der sich nicht immer gerne lenken läßt?

In dem Grimmschen Märchen „Das Eselein“ wird nun von einem König und einer Königin erzählt, die sich ein Kind wünschten. „Als es aber zur Welt kam, sah`s nicht aus wie ein Menschenkind, sondern war ein junges Eselein.“

Originaltext 1857: Das Eselein (Brüder Grimm, Kinder- u. Hausmärchen, Nr. 144)

„Es lebte einmal ein König und eine Königin, die waren reich und hatten alles, was sie sich wünschten, nur keine Kinder. Darüber klagte sie Tag und Nacht und sprach „ich bin wie ein Acker, auf dem nichts wächst.“ Endlich erfüllte Gott ihre Wünsche: als das Kind aber zur Welt kam, sah`s nicht aus wie ein Menschenkind, sondern war ein junges Eselein. Wie die Mutter das erblickte, fing ihr Jammer und Geschrei erst recht an, sie hätte lieber gar kein Kind gehabt als einen Esel, und sagte, man sollt ihn ins Wasser werfen, damit ihn die Fische fräßen. Der König aber sprach ‘nein, hat Gott ihn gegeben, soll er auch mein Sohn und Erbe sein, nach meinem Tod auf dem königlichen Thron sitzen und die königliche Krone tragen.‘ Also ward das Eselein aufgezogen, nahm zu, und die Ohren wuchsen ihm auch fein hoch und grad hinauf. Es war aber sonst fröhlicher Art, sprang herum, spielte und hatte besonders seine Lust an der Musik, so daß es zu einem berühmten Spielmann ging und sprach ‘lehre mich deine Kunst, daß ich so gut die Laute schlagen kann als du.‘ ‘Ach, liebes Herrlein,‘ antwortete der Spielmann, ‘das sollt Euch schwer fallen, Eure Finger sind nicht allerdings dazu gemacht und gar zu groß; ich sorge, die Saiten haltens nicht aus.‘ Es half keine Ausrede, das Eselein wollt und mußte die Laute schlagen, war beharrlich und fleißig und lernte es am Ende so gut als sein Meister selber. Einmal ging das junge Herrlein nachdenksam spazieren und kam an eine Brunnen, da schaute es hinein und sah im spiegelhellen Wass seine Eseleinsgestalt. Darüber ward es so betrübt, daß es in die weite Welt ging und nur einen treuen Gesellen mitnahm. Sie zogen auf und ab, zuletzt kamen sie in ein Reich, wo ein alter König herrschte, der nur eine einzige, aber wunderschöne Tochter hatte. Das Eselein sagte ‘hier wollen wir weilen,‘ klopfte ans Tor und rief ‘es ist ein Gast haußen, macht auf, damit er eingehen kann.‘ Als aber nicht aufgetan ward, setzte er sich hin, nahm seine Laute und schlug sie mit seinen zwei Vorderfüßen aufs lieblichste. Da sperrte der Türhüter gewaltig die Augen auf, lief zum König und sprach ‘da draußen sitzt ein junges Eselein vor dem Tor, das schlägt die Laute so gut als ein gelernter Meister.‘ ‘So laß mir den Musikant hereinkommen,‘ sprach der König. Wie aber ein Eselein hereintrat, fing alles an über den Lautenschläger zu lachen. Nun sollte das Eselein unten zu den Knechten gesetzt und gespeist werden, es ward aber unwillig und sprach ‘ich bin kein gemeines Stalleselein, ich bin ein vornehmes.‘ Da sagten sie ‘wenn du das bist, so setze dich zu dem Kriegsvolk.‘ ‘Nein,‘ sprach es, ‘ich will beim König sitzen.‘ Der König lachte und sprach in gutem Mut ‘ja, es soll so sein, wie du verlangst, Eselein, komm her zu mir.‘ Danach fragte er ‘Eselein, wie gefällt dir meine Tochter?‘ Das Eselein drehte den Kopf nach ihr, schaute sie an, nickte und sprach ‘aus der Maßen wohl, sie ist so schön, wie ich noch keine gesehen habe.‘ ‘Nun, so sollst du auch neben ihr sitzen,‘ sagte der König. ‘Das ist mir eben recht,‘ sprach das Eselein und setzte sich an ihre Seite, aß und trank und wußte sich fein und säuberlich zu betragen. Als das edle Tierlein eine gute Zeit an des Königs Hof geblieben war, dachte es ‘was hilft das alles, du mußt wieder heim,‘ ließ den Kopf traurig hängen, trat vor den König und verlangte seinen Abschied. Der König hatte es aber lieb gewonnen und sprach ‘Eselein, was ist dir? du schaust ja sauer wie ein Essigkrug: bleib bei mir, ich will dir geben, was du verlangst. Willst du Gold?‘ ‘Nein,‘ sagte das Eselein und schüttelte mit dem Kopf. ‘Willst du Kostbarkeiten und Schmuck?‘ ‘Nein.‘ ‘Willst du mein halbes Reich?‘ ‘Ach nein.‘ Da sprach der König ‘wenn ich nur wüßte, was dich vergnügt machen könnte: willst du meine schöne Tochter zur Frau?‘ ‘Ach ja,‘ sagte das Eselein, ‘die möchte ich wohl haben,‘ war auf einmal ganz lustig und guter Dinge, denn das wars gerade, was er sich gewünscht hatte. Also ward eine große und prächtige Hochzeit gehalten. Abends, wie Braut und Bräutigam in ihr Schlafkämmerlein geführt wurden, wollte der König wissen, ob sich das Eselein auch fein artig und manierlich betrüge, und hieß einen Diener sich dort verstecken. Wie sie nun beide drinnen waren, schob der Bräutigam den Riegel vor die Türe, blickte sich um, und wie er glaubte, daß sie ganz allein wären, da warf er auf einmal seine Eselshaut ab und stand da als ein schöner königlicher Jüngling. ‘Nun siehst du,‘ sprach er, ‘wer ich bin, und siehst auch, daß ich deiner nicht unwert war.‘ Da ward die Braut froh, küßte ihn und hatte ihn von Herzen lieb. Als aber der Morgen herankam, sprang er auf, zog seine Tierhaut wieder über, und hätte kein Mensch gedacht, was für einer dahintersteckte. Bald kam auch der alte König gegangen, ‘ei,‘ rief er, ‘ist das Eselein schon munter! Du bist wohl recht traurig,‘ sagte er zu seiner Tochter, ‘daß du keinen ordent lichen Menschen zum Mann bekommen hast?‘ ‘Ach nein, lieber Vater, ich habe ihn so lieb, als wenn er der allerschönste wäre, und will ihn mein Lebtag behalten.‘ Der König wunderte sich, aber der Diener, der sich versteckt hatte, kam und offenbarte ihm alles. Der König sprach ‘das ist nimmermehr wahr.‘ ‘So wacht selber die folgende Nacht, Ihr werdets mit eigenen Augen sehen, und wißt Ihr was, Herr König, nehmt ihm die Haut weg und werft sie ins Feuer, so muß er sich wohl in seiner rechten Gestalt zeigen.‘ Dein Rat ist gut,‘ sprach der König, und abends, als sie schliefen, schlich er sich hinein, und wie er zum Bett kam, sah er im Mondschein einen stolzen Jüngling da ruhen, und die Haut lag abgestreift auf der Erde. Da nahm er sie weg und ließ draußen ein gewaltiges Feuer anmachen und die Haut hineinwerfen, und blieb selber dabei, bis sie ganz zu Asche verbrannt war. Weil er aber sehen wollte, wie sich der Beraubte anstellen würde, blieb er die Nacht über wach und lauschte. Als der Jüngling ausgeschlafen hatte, beim ersten Morgenschein, stand er auf und wollte die Eselshaut anziehen, aber sie war nicht zu finden. Da erschrak er und sprach voll Trauer und Angst ‘nun muß ich sehen, daß ich entfliehe.‘ Wie er hinaustrat, stand aber der König da und sprach ‘mein Sohn, wohin so eilig, was hast du im Sinn? Bleib hier, du bist ein so schöner Mann, du sollst nicht wieder von mir. Ich gebe dir jetzt mein Reich halb, und nach meinem Tod bekommst du es ganz.‘ ‘So wünsch ich, daß der gute Anfang auch ein gutes Ende nehme,‘ sprach der Jüngling, ‘ich bleibe bei Euch.‘ Da gab ihm der Alte das halbe Reich, und als er nach einem Jahr starb, hatte er das ganze, und nach dem Tode seines Vaters noch eins dazu, und lebte in aller Herrlichkeit.“

In diesem Märchen wird ein großer Bogen vom Ursprung der Menschheit bis in ihre ferne Zukunft geschlagen. Weit in der Vergangenheit - die Bibel würde sagen: „Vor dem Sündenfall“ - waren wir Könige. Wie schade, daß wir nicht ewig Könige und „im Paradies bleiben“ konnten, nicht wahr?! Nein, „die Götter“ haben ein spannenderes Experiment mit uns vor. Sie wollten keine ewig folgsamen Geschöpfe sondern gaben uns die Freiheit eigener Entscheidung mit allen Konsequenzen, auch denen des Irrtums und der Dummheiten. Dazu mußten wir die ursprüngliche Hellsichtigkeit verlieren, damit wir die Folgen unseres Handelns nicht sofort erkennen und uns frei fühlen können. Durch schädliche Handlungen, böse Gefühle, falsche Gedanken schädigen und schwächen wir zwar die Welt und uns selber; können aber durch bewußtes Bemühen und „Entgegenkommen von oben“ die Schwächen in bleibende Stärken verwandeln. Das erhoffen die Götter von uns. In dem Wort Re-Ligion, Wiederverbindung, ist das angedeutet. (Siehe auch www.maerchenfrank.de/Märchendeutung/Rotkäppchen ). Das, was sich durch die verliehene Freiheit entwickeln kann, das ist im Märchen mit dem Kind gemeint.

Das Eselein im Märchen unterscheidet genau wie Franziskus von Assisi zwischen seinem innersten Wesen und dem Körper, in dem es wohnt, und der ihm seiner Würde nicht angemessen vorkommt. Sonst würde es sich beim Anblick seines Spiegelbildes nicht betrüben. Vor diesem Betrüben muß man sich aber der eigenen Menschenwürde erst einmal bewußt sein! Mit dem Eselskörper ist sinnbildlich all das gemeint, was wir durch unsere Handlungen in der (weiteren) Vergangenheit erzeugt haben. Wir brauchen uns nur einmal vorzustellen, daß die Musiker eines Orchesters sich von der Bevormundung durch den Dirigenten befreit hätten, und nun jeder einzelne das vor sich hinflötet, tutet und fidelt, was ihm gerade einfällt und gefällt. So eigensinnig gebärden sich zur Zeit die freigelassenen Egoisten auf der guten Mutter Erde. Man braucht nur ja die Nachrichten zu hören, zu sehen, zu lesen. Ihr Flöten, Tuten, Fideln (und Trommeln!) muß wieder in Einklang mit dem „Dirigenten“ gebracht werden, damit der schlimmste „Krach“ verhütet werden kann. Einklang und Harmonie mit der Ordnung, von der unser Leben abhängt, und die uns großzügig jede Nacht im Schlaf Erholung schenkt, ist dringend erforderlich. Die Verhärtungen (die Eselshufe) sollen wieder weich und lebendig werden. Wir müssen wieder Fingerspitzengefühl für die Lebenszusammenhänge und die sozialen Zusammenhänge entwickeln. Alle unsere Umweltschutzbemühungen heute gründen auf einem Spüren dieser Verantwortung. Das Eselein lernt – sinnbildlich – die Laute schlagen und beginnt dadurch zu harmonisieren, was eselhaft war. In der Kathedrale von Chartres ist ein solcher Esel, der Harfe spielt, zu sehen.

Diesem Bemühen kommt in unserem Märchen die Gnade von oben entgegen: das Schicksal veranlaßt, daß die Eselshaut, das, was nicht göttlich an uns ist, verbrannt und damit gereinigt wird. Märchen sprechen kurz und bündig in Sinnbildern aus, was zu tun ist. Von der Zeit, die wir dazu brauchen werden, wird nichts gesagt. Für den Weg von der Erkenntnis der Zusammenhänge über das gefühlsmäßige Sich-damit-Verbinden (das Feuer der Begeisterung) bis zum geduldigen Handeln und Fortschritte-Machen braucht jeder Mensch verschieden lange. Vielleicht lernen ja auch wir einmal „die Laute schlagen wie ein gelernter Meister“.

Der große Bogen der Märchen kann uns helfen, auch in unseren kleinen Bögen die Richtung zu halten und verantwortungsvoll zu arbeiten

Siehe auch ( Lit.) Friedel Lenz: "Bildsprache der Märchen", Verlag Urachhaus Stuttgart! (Frank Jentzsch, Stand 30.3.2013

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