Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
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Aschenputtel (Brüder Grimm, KHM Ausgabe letzter Hand von 1857, Nr. 21, --> Originaltext)

Deutung:

Das Grimmsche Märchen vom Aschenputtel sagt uns: Der Mensch kann in das eine Extrem geraten oder in das andere Extrem, er kann aber auch durch Arbeit und Andacht die Mitte entwickeln.

Die drei Schwestern darin sind Bilder für seelische Eigenschaften. Bei der einen Schwester ist die Zehe zu groß. Sie tippelt auf den Zehen, sie ist schwärmerisch, phantastisch, abgehoben. Bei der anderen ist die Ferse überbetont. Sie stampft mit der Ferse auf, um sich durchzusetzen, kennt nur Irdisches, für sie gibt es keinen Himmel. Beide wollen ihre Einseitigkeit vertuschen. Sie üben sozusagen Askese, um den Königssohn zu bekommen. Die weißen Tauben auf dem Haselbäumchen, die Himmelsboten, sehen aber am Blut im Schuh, daß da etwas verdrängt werden sollte.

Aschenputtel nun bringt beide Extreme ins Gleichgewicht: Sie kennt die irdirische Arbeit wie Holz und Wasser schleppen, Kochen und Waschen (was zu Grimms Zeiten schwerer war als heute) und geht dreimal am Tage zum Grab der Mutter, um zu beten. Sie kennt Erde und Himmel, und bringt beides geduldig zusammen, deshalb paßt ihr der goldene Schuh. Der goldene Schuh ist ein Bild dafür, daß Aschenputtel das Himmelsgold der Tauben, ihre Ideale, bis in die Füße, bis in den Willen hineingebracht hat. Sie ist zwar offenbar im Denken (Taubenschlag) und Fühlen (die süßen Birnen im Birnbaum) zu Hause, kann hinein und hinaus, wann sie will, aber sie bleibt nicht dabei stehen.

Die Extreme (die beiden Stiefschwestern) sind dabei blind für die Mitte, für den Ausgleich (Aschenputtel), sonst wären sie keine Extreme. Das betonen am Ende die beiden Tauben noch einmal, indem sie ihnen die Augen auspicken.

Die sinnbildliche Sprache der Märchen war den Menschen vor 200 bis 300 Jahren sicherlich leichter zugänglich als uns heute. Sie gingen Sonntags in die Kirche, wo der Pfarrer, der Priester ihnen die Sinnbilder der Bibel auslegte, sie mit den Seeleneigenschaften der Zuhörer in Beziehung brachte. Bei der Jordantaufe kam der heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Jeder ahnte, was gemeint war, wenn von der himmlischen Hochzeit gesprochen wurde, zu der man ein schönes Gewand haben muß. Dem Reichen, der für seine Vorräte größere Scheunen bauen will, sagt Christus: "Du Narr, heute nacht wird man deine Seele von dir fordern." Der Reiche wurde als der seelisch Hochmütige begriffen, und der Arme als der Demütige, der angesichts der Fülle der geistigen Mächte natürlich bescheiden ist.

Siehe auch ( Lit.) Friedel Lenz: "Bildsprache der Märchen", Verlag Urachhaus Stuttgart! (Frank Jentzsch 8.2.2008, 7.1.2009, 19.6.2011)