Märchenerzähler
Frank Jentzsch

   
  Über mich
 
  Termine
  Hörproben
  Repertoire
 
  Erzählstunden
  Sprachförderung
  Märchen-Seminare
  Märchen-Vorträge
  Märchen-Deutung
 
  Kosten
 
  Für Veranstalter:
  Kindergarten
  Schule
  Studenten
  Erwachsene
  Frauen
  Senioren
  Hospiz
  Kirche
  Klinik
  Psychiatrie
  Museum
   
 
   
  Kontakt
   

 

 
 

Der Bärenhäuter (Brüder Grimm, KHM 101, Ausgabe 1857, überarbeitet von Frank Jentzsch; die Reihenfolge der beiden älteren Schwestern wurde vereinheitlicht, Änderungen kursiv markiert, Stand 11.5.2016 )

Text: Es war einmal ein junger Kerl, der ließ sich als Soldat anwerben, hielt sich tapfer und war immer der vorderste, wenn es blaue Bohnen regnete. Solange der Krieg dauerte, ging alles gut, aber als Friede geschlossen war, erhielt er seinen Abschied, und der Hauptmann sagte, er könnte gehen wohin er wollte. Seine Eltern waren tot, und er hatte keine Heimat mehr, da ging er zu seinen Brüdern und bat sie, ihm so lange Unterhalt zu geben, bis der Krieg wieder anfinge. Die Brüder aber waren hartherzig und sagten: „Was sollen wir mit dir? Wir können dich nicht brauchen, sieh zu wie du dich durchschlägst.“ Der Soldat hatte nichts übrig als sein Gewehr, das nahm er auf die Schulter und wollte in die Welt gehen. Er kam auf eine große Heide, auf der nichts zu sehen war als ein Ring von Bäumen: darunter setzte er sich ganz traurig nieder und sann über sein Schicksal nach. „Ich habe kein Geld,“ dachte er, „ich habe nichts gelernt als das Kriegshandwerk, und jetzt weil Friede geschlossen ist, brauchen sie mich nicht mehr; ich sehe voraus ich muß verhungern.“

Auf einmal hörte er ein Brausen, und wie er sich umblickte, stand ein unbekannter Mann vor ihm, der einen grünen Rock trug, recht stattlich aussah, aber einen garstigen Pferdefuß hatte. „Ich weiß schon was dir fehlt,“ sagte der Mann, „Geld und Gut sollst du haben, so viel du mit aller Gewalt durchbringen kannst, aber ich muß zuvor wissen, ob du dich nicht fürchtest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.“ „Ein Soldat und Furcht, wie paßt das zusammen?“ antwortete er, „du kannst mich auf die Probe stellen.“ „Wohl-an,“ antwortete der Mann, „schau hinter dich!“ Der Soldat kehrte sich um und sah einen großen Bär, der brummend auf ihn zutrabte. „Oho,“ rief der Soldat, „dich will ich an der Nase kitzeln, daß dir die Lust zum Brummen vergehen soll,“ legte an und schoß den Bär auf die Schnauze, daß er zusammenfiel und sich nicht mehr regte. „Ich sehe wohl,“ sagte der Fremde, „daß dir`s an Muth nicht fehlt, aber es ist noch eine Bedingung dabei, die mußt du erfüllen.“ „Wenn mir`s an meiner Seligkeit nicht schadet,“ antwortete der Soldat, der wohl merkte, wen er vor sich hatte, „sonst laß ich mich auf nichts ein.“ „Das wirst du selber sehen,“ antwortete der Grünrock, „du darfst in den nächsten sieben Jahren dich nicht waschen, dir Bart und Haare nicht kämmen, die Nägel nicht schneiden und kein Vaterunser beten. Dann will ich dir einen Rock und Mantel geben, den mußt du in dieser Zeit tragen. Stirbst du in diesen sieben Jahren, so bist du mein, bleibst du aber leben, so bist du frei und bist reich dazu für dein Lebtag.“ Der Soldat dachte an die große Not, in der er sich befand, und da er so oft in den Tod gegangen war, wollte er es auch jetzt wagen und willigte ein. Der Teufel zog den grünen Rock aus, reichte ihn dem Soldaten hin und sagte: „wenn du den Rock an deinem Leibe hast und in die Tasche greifst, so wirst du die Hand immer voll Geld haben.“' Dann zog er dem Bären die Haut ab und sagte: „Das soll dein Mantel sein und auch dein Bett, denn darauf mußt du schlafen und darfst in kein anderes Bett kommen. Und dieser Tracht wegen sollst du Bärenhäuter heißen.“ Hierauf verschwand der Teufel.

       Der Soldat zog den Rock an, griff gleich in die Tasche und fand daß die Sache ihre Richtigkeit hatte. Dann hing er die Bärenhaut um, ging in die Welt, war guter Dinge und unterließ nichts was ihm wohl und dem Gelde wehe tat. Ihm ersten Jahr ging es noch leidlich, aber in dem zweiten sah er schon aus wie ein Ungeheuer. Das Haar bedeckte ihm fast das ganze Gesicht, sein Bart glich einem Stück grobem Filztuch, seine Finger hatten Krallen, und sein Gesicht war so mit Schmutz bedeckt, daß wenn man Kresse hinein gesät hätte, sie aufgegangen wäre. Wer ihn sah, lief fort, weil er aber aller Orten den Armen Geld gab, damit sie für ihn beteten, daß er in den sieben Jahren nicht stürbe, und weil er alles gut bezahlte, so erhielt er doch immer noch Herberge. Im vierten Jahr kam er in ein Wirtshaus, da wollte ihn der Wirth nicht aufnehmen und wollte ihm nicht einmal einen Platz im Stall anweisen, weil er fürchtete seine Pferde würden scheu werden. Doch als der Bärenhäuter in die Tasche griff und eine Hand voll Dukaten herausholte, so ließ der Wirth sich erweichen, und gab ihm eine Stube im Hintergebäude; doch mußte er versprechen sich nicht sehen zu lassen, damit sein Haus nicht in bösen Ruf käme.

Als der Bärenhäuter Abends allein saß und von Herzen wünschte daß die sieben Jahre herum wären, so hörte er in einem Nebenzimmer ein lautes Jammern. Er hatte ein mitleidiges Herz, öffnete die Türe und erblickte einen alten Mann, der heftig weinte und die Hände über dem Kopf zusammen schlug. Der Bärenhäuter trat näher, aber der Mann sprang auf und wollte entfliehen. Endlich, als er eine menschliche Stimme vernahm, ließ er sich bewegen, und durch freundliches Zureden brachte es der Bärenhäuter dahin, daß er ihm die Ursache seines Kummers offenbarte. Sein Vermögen war nach und nach geschwunden, er und seine Töchter mußten darben, und er war so arm, daß er den Wirth nicht einmal bezahlen konnte und ins Gefängnis sollte gesetzt werden. „Wenn ihr weiter keine Sorgen habt,“ sagte der Bärenhäuter, „Geld habe ich genug.“' Er ließ den Wirth herbeikommen, bezahlte ihn und steckte dem Unglücklichen noch einen Beutel voll Gold in die Tasche. Als der alte Mann sich aus seinen Sorgen erlöst sah, wußte er nicht womit er sich dankbar beweisen sollte. 'Komm mit mir,' sprach er zu ihm, 'meine Töchter sind Wunder von Schönheit, wähle dir eine davon zur Frau. Wenn sie hört was du für mich getan hast, so wird sie sich nicht weigern. Du siehst freilich ein wenig seltsam aus, aber sie wird dich schon wieder in Ordnung bringen.' Dem Bärenhäuter gefiel das wohl und er ging mit. Als ihn die älteste erblickte, entsetzte sie sich so gewaltig vor seinem Antlitz, daß sie aufschrie und fortlief. Die zweite blieb zwar stehen und betrachtete ihn, von Kopf bis zu Füßen, dann aber sprach sie: „wie kann ich einen Mann nehmen, der keine menschliche Gestalt mehr hat? Da gefiel mir der rasierte Bär noch besser, der ein mal hier zu sehen war und sich für einen Menschen ausgab, der hatte doch einen Husarenpelz an und weiße Handschuhe. Wenn er nur häßlich wäre, so könnte ich mich an ihn gewöhnen, aber so...“ Die jüngste aber sprach: „Lieber Vater, das muß ein guter Mann sein, der euch aus der Not geholfen hat, habt ihr ihm dafür eine Braut versprochen, so muß euer Wort gehalten werden.“ Es war Schade, daß das Gesicht des Bärenhäuters von Schmutz und Haaren bedeckt war, sonst hätte man sehen können wie ihm das Herz im Leibe lachte, als er diese Worte hörte. Er nahm einen Ring von seinem Finger, brach ihn entzwei und gab ihr die eine Hälfte, die andere behielt er für sich. In ihre Hälfte aber schrieb er seinen Namen und in seine Hälfte schrieb er ihren Namen und bat sie ihr Stück gut aufzuheben. Hierauf nahm er Abschied und sprach: „Ich muß noch drei Jahre wandern, komm ich nicht wieder, so bist du frei, weil ich dann tot bin. Bitte aber Gott daß er mir das Leben erhält.“

Die arme Braut kleidete sich ganz schwarz, und wenn sie an ihren Bräutigam dachte, so kamen ihr die Tränen in die Augen. Von ihren Schwestern ward ihr nichts als Hohn und Spott zu Teil. „Hüte dich,' sagte die älteste, 'Bären lieben die Süßigkeit, und wenn du ihm gefällst, so frißt er dich auf.“ 'Nimm dich in Acht,' sagte die zweite, 'wenn du ihm die Hand reichst, so schlägt er dir mit der Tatze darauf.' Und die erste hub wieder an: 'Aber die Hochzeit wird lustig sein, Bären die tanzen gut.' Die zweite darauf: 'Du mußt nur immer seinen Willen tun, sonst fängt er an zu brummen.' Die Braut schwieg still und ließ sich nicht irre machen. Der Bärenhäuter aber zog in der Welt herum, von einem Ort zum andern, tat Gutes, wo er konnte und gab den Armen reichlich, damit sie für ihn beteten. Endlich als der letzte Tag von den sieben Jahren anbrach, ging er wieder hinaus auf die Heide, und setzte sich unter den Ring von Bäumen. Nicht lange, so sauste der Wind, und der Teufel stand vor ihm und blickte ihn verdrießlich an; dann warf er ihm den alten Rock hin und verlangte seinen grünen zurück. „So weit sind wir noch nicht,“ antwortete der Bärenhäuter, „erst sollst du mich reinigen.“ Der Teufel mochte wollen oder nicht, er mußte Wasser holen, den Bärenhäuter abwaschen, ihm die Haare kämmen, und die Nägel schneiden. Hierauf sah er wie ein tapferer Kriegsmann aus, und war viel schöner als je vorher.

      Als der Teufel glücklich abgezogen war, so war es dem Bärenhäuter ganz leicht ums Herz. Er ging in die Stadt, tat einen prächtigen Sammetrock an, setzte sich in einen Wagen mit vier Schimmeln bespannt und fuhr zu dem Haus seiner Braut. Niemand erkannte ihn, der Vater hielt ihn für einen vornehmen Feldobrist und führte ihn in das Zimmer, wo seine Töchter saßen. Er mußte sich zwischen den beiden ältesten niederlassen: sie schenkten ihm Wein ein, legten ihm die besten Bissen vor und meinten sie hätten keinen schönern Mann auf der Welt gesehen. Die Braut aber saß in schwarzem Kleide ihm gegenüber, schlug die Augen nicht auf und sprach kein Wort. Als er endlich den Vater fragte, ob er ihm eine seiner Töchter zur Frau geben wollte, so sprangen die beiden ältesten auf, liefen in ihre Kammer und wollten prächtige Kleider anziehen, denn eine jede bildete sich ein, sie wäre die Auserwählte. Der Fremde, sobald er mit seiner Braut allein war, holte den halben Ring hervor und warf ihn in einen Becher mit Wein, den er ihr über den Tisch reichte. Sie nahm ihn an, aber als sie getrunken hatte und den halben Ring auf dem Grund liegen fand, so schlug ihr das Herz. Sie holte die andere Hälfte, die sie an einem Band um den Hals trug, hielt sie daran, und es zeigte sich, daß beide Theile vollkommen zu einander paßten. Da sprach er: „Ich bin dein verlobter Bräutigam, den du als Bärenhäuter gesehen hast, aber durch Gottes Gnade habe ich meine menschliche Gestalt wieder erhalten, und bin wieder rein geworden.“ Er ging auf sie zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuß. Indem kamen die beiden Schwestern in vollem Putz herein, und als sie sahen daß der schöne Mann der jüngsten zu Teil geworden war, und hörten, daß das der Bärenhäuter war, liefen sie voll Zorn und Wut hinaus; die eine erhenkte sich an einem Baum, die andere ersäufte sich im Brunnen. Am Abend klopfte jemand an der Türe, und als der Bräutigam öffnete, so war`s der Teufel im grünen Rock, der sprach: „siehst du, nun habe ich zwei Seelen für deine eine.“

Zu den Sinnbildern:

Das Märchen fängt für unsere Ohren heute schockierend an : „Solange der Krieg dauerte, ging alles gut, aber als Friede geschlossen war, erhielt er seinen Abschied ...“ Die Kriege im Märchen werden jedoch nicht um Ölquellen und Bodenschätze geführt, sondern sie spielen in der menschlichen Seele zwischen Gut und Böse. Ich muß kämpfen gegen meine Trägheit, gegen Eitelkeit, Neid, Mißgunst, gegen abfällige Urteile, gegen Bosheit in mir selber. Das ist mühsam und erfordert Geduld. Manch einer resigniert und kämpft nicht mehr dagegen an. Es gibt sogar Psychologen, die raten ihren Patienten, mit sich zufrieden zu sein: „Du bist wie Du bist, damit mußt Du leben!“ Das ist dann ein "fauler Frieden". Jeder Sportler aber weiß, daß er durch Training seine Fähigkeiten erweitern kann. So können wir auch unsere moralischen Fähigkeiten durch Üben läutern, positive Fähigkeiten stärken.

Der Soldat in unserem Märchen hatte bislang auf Befehl gekämpft. Entsprach das nicht der streng überwachten Askese der Mönche in den Klöstern? Nun wird er in die Selb-ständigkeit entlassen: „...und der Hauptmann sagte, er könnte gehen, wohin der wollte.“ Alle bisherige Geborgenheit und Führung ist dahin: „Seine Eltern waren tot, und er hatte keine Heimat mehr...“ Das heißt, er ist frei, selber etwas zu wollen, aber was will er? Er schwankt und sucht Halt bei seinen Brüdern. Die Brüder sagen: „... wir können dich nicht brauchen, sieh zu, wie du dich durchschlägst!“ Die Brüder werden in diesem Märchen nur angedeutet, aber wir kennen ähnliche Brüder von den Grimmschen Märchen „Die drei Federn“ und „Das Wasser des Lebens“. Sie repräsentieren jeweils extreme Geistes-haltungen. (Der älteste ging nach Osten, der zweite nach Westen, der Dummling aber ging geradeaus und tat das Nächstliegende.) Extreme haben kein Verständnis für die Mitte, sonst wären sie keine Extreme. Der Soldat in unserem Märchen steht für die Mitte, für die Herzenskräfte. Ihm ist deshalb das Sich-Durchschlagen fremd, und ihm fehlt die Fähigkeit, sich in der materiellen Welt zu behaupten: „Ich habe kein Geld, ich habe nichts gelernt als das Kriegshandwerk ...“ - Beten und meditieren im Kampf gegen das Böse hat er wohl gelernt. aber nicht das Geldverdienen. Diese Schwäche nützt der Teufel aus, ihn zu verführen: Wenn er nicht mehr weiterkämpft und seinen Charakter verwildern läßt, dann bekommt er Geld. Kennen wir nicht auch die Verführung, unsere moralischen Maßstäbe um materieller Vorteile willen ein bißchen beiseite zu schieben? „Wenn`s mir an meiner Seligkeit nicht schadet!“ sagt er jedoch, denn er spürt noch sein Gewissen. Wieder wird an sein Urteil und seine eigene Verantwortung appelliert. „Du darfst in den nächsten sieben Jahren dich nicht waschen, dir Bart und Haare nicht kämmen, die Nägel nicht schneiden und kein Vaterunser beten“ fordert außerdem der Teufel. Man vergleiche mit der Gänsemagd, die unter freiem Himmel ihr Haar strählt – Sinnbild für das Ordnen der Gedankenkräfte durch Meditation. Gerade das soll der Bärenhäuter nicht tun. Der Teufel führt ihm sogar seine Schattenseiten vor, indem er ihn an der Ehre kitzelt: ' ... aber ich muß zuvor wissen ob du dich nicht fürchtest ..... schau hinter dich.' Das kann kein Mensch, denn die Augen sind vorn. Es handelt sich also um eine übersinnliche Art der Wahrnehmung. Das, was im Alltag von uns ausgeht, kommt bei dieser Art Wahrnehmung auf uns zu. „Der Soldat kehrte sich um und sah einen großen Bär...“ Er erblickt im Bild des Bären seine ungeläuterten Triebe. Nun will er diese aus seinem Bewußtsein verdrängen, wie der Psychologe sagen würde; er erschießt den Bären. Die Kräfte, die sich als niedere Triebe äußern, hätte er durch Andacht höheren Zielen widmen und dadurch verwandeln können. Durch das Verdrängen aber widmet er ihnen seine Aufmerksamkeit und wird sie nicht mehr los. Die Folge ist, daß er seine dunklen Seeleneigenschaften nicht mehr verstecken kann: er trägt von nun an die Bärenhaut um sich gehängt und für alle Welt sichtbar. Und alle Welt entsetzt sich vor ihm. Das muß er ertragen, und er leidet darunter.

Leiden läutert, und immer wieder bemüht er seine Herzenskräfte, hat Mitleid, bezahlt die Armen, damit sie für ihn beten, daß er in den sieben Jahren nicht stirbt. Er hält damit, auch ohne sich zu waschen, und ohne Vaterunser zu beten, die Verbindung zur göttlichen Welt aufrecht.

Im vierten Jahr werden dem Bärenhäuter seine Herzenskräfte in Gestalt der jüngsten Tochter des armen Alten besonders bewußt. Die Personen und Gestalten des Märchens spielen alle in der menschlichen Seele: Hilfreiches und Hemmendes, Gutes und Böses finden wir in uns, so auch den unglücklichen Armen und seine drei Töchter. Die Kräfte des Bärenhäuters schwinden: er erlebt sich als den Armen, dessen Vermögen nach und nach geschwunden ist. In ihm streiten seine Gefühle. Wir kennen sie schon von den Aschenputtel-Schwestern.

Die älteste Seeleneigenschaft in der menschlichen Entwicklung ist das Selbstgefühl, das sich aber so steigern kann, daß der Mensch nicht mehr auf den Boden der Tatsachen herunterkommt, auf den Zehen herumtippelt: die Schwärmerin und Phantastin, die nur die eigene Lust sucht. Im Bärenhäuter-Märchen schreit sie auf und läuft davon, als sie „das Ungeheuer“ sieht. Später sagt sie: „Hüte dich, Bären lieben die Süßigkeit, und wenn du ihm gefällst, so frißt er dich auf!“ und weiter: „aber die Hochzeit wird lustig sein, Bären die tanzen gut!“ Der nächste Schritt in der menschlichen Entwicklung ist das Denken, das sich bis zur kalten Berechnung entwickeln kann, die keine Hemmung hat zu lügen. Im Aschenputtel-Märchen die Schwester mit der zu großen Ferse, die keinen Himmel kennt und alles mit Gewalt durchsetzt. Im Bärenhäuter-Märchen sagt sie: „Da gefiel mir der rasierte Bär noch besser, der sich für einen Menschen ausgab...“ Das ist hochinteressant: Sie zieht die Täuschung der Wahrheit vor. Der wahre Kämpfer zeigt seine noch ungeläuterten Seeleneigenschaften mit dem umgehängten Fell, während das Tier sich als Mensch, als Kämpfer ausgibt. Später sagt sie verächtlich: „Nimm dich in Acht, wenn du ihm die Hand reichst, so schlägt er dir mit der Tatze darauf.“

Die Jüngste ist Sinnbild für die Seeleneigenschaft, die beides ausgleicht und mit Herzens-kräften auf eine höhere Ebene hebt. Da heißt es: „Er hatte ein mitleidiges Herz...er wünschte von Herzen, daß die sieben Jahre herum wären... da war es dem Bärenhäuter ganz leicht ums Herz ...“ Diese Herzenskräfte gilt es für uns auch heute noch zu entwickeln. Durch sie gestärkt übersteht der Bärenhäuter die restlichen drei Jahre und hat so viel gelernt, daß er am Schluß sogar dem Teufel befehlen kann ihn zu reinigen. „Hierauf sah er wie ein tapferer Kriegsmann aus, und war viel schöner als je vorher.“ Am Ende hat er also die Fähigkeit wieder erlangt, (für das Gute) zu kämpfen, nun aber nicht mehr unter strenger Bevormundung, sondern aus eigenem Willen, als selbständiger, freier Mensch. Diese Fähigkeit ist sein bleibender Reichtum.

 

Zurück zur Übersicht Märchendeutung